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05.09.2010

Zitat von Frau Dr. Angela Merkel: „Wir haben 2,2 Millionen Hartz-IV-Empfänger, die arbeitsfähig sind, aber keinen Job finden. Ich sehe nicht ein, dass Pflegekräfte künftig nur noch aus Osteuropa kommen. Daran können wir etwas ändern,...“

    06.10.2010

Diese Äußerung und ähnliche unserer Kanzlerin lösten bei den Pflege-Fachverbänden heftige Kritik aus. Warum, will ich versuchen aus meiner Sicht zu erklären, denn auch mich haben diese Äußerungen zum Nachdenken angeregt

Zu meiner Person: ich bin 26 und arbeite seit 7 Jahren in der Altenhilfe, davon inzwischen 3 als Pflegefachkraft, ich habe eine Weiterbildung zum Palliativ-Pfleger absolviert und bin derzeit in der Weiterbildung zur Fachkraft für Leitungsaufgaben in Pflegeeinrichtungen. Begonnen habe ich als Zivildienstleistender und habe dann eine Ausbildung zum Altenpfleger gemacht. Diese Ausbildung ist anspruchsvoll und auch wenn man sie erfolgreich absolviert, muss man sich doch ständig Fort- und Weiterbilden um auf dem Laufenden zu bleiben. Von den fachlichen Kompetenzen abgesehen, welche man mit Fleiß erlernen kann, erfordert diese Beruf auch persönliche Kompetenzen. Dazu gehört nicht nur ein liebe voller Umgang mit älteren Menschen, sondern auch z.B. Geduld, Höfflichkeit, Einfühlungsvermögen usw., alles Dinge die man nicht oder nur schwer erlernen kann. Diese Eigenschaften möchte ich nicht den sogenannten „Hartz IV“ Empfängern oder anderen Arbeitlosen aberkennen aber wer sich bewusst und freiwillig für den Beruf Altenpfleger entscheidet absolviert meist erst ein Praktikum, Soziales Jahr oder ähnliches. Aber der „Hartz IV“ Empfänger/ Arbeitslose soll in diese Rolle gezwungen werden um die Arbeitsmarktzahlen zu beschönigen und die Zuwanderung von Fachkräften zu reduzieren. Jetzt wird der ein oder andere Sagen das in Deutschland niemand zu etwas gezwungen werden kann. Aber wie sieht die Realität denn aus? Wer Arbeits- oder Weiterbildungsangeboten der Arbeitsagentur nicht nachkommt riskiert Streichung oder Minderung seiner Bezüge oder sonstige Sanktionen. Dazu kommt das viele sich gar nicht vorstellen können, in der Pflege zuarbeiten. Ich selbst unterrichtete 2008 Langzeitarbeitlose in praktischer Pflege, die an einer Orientierungsmaßnahme an einer Fortbildungsstätte teilnahmen. Keiner war dort freiwillig. Und in der Pflege zuarbeiten konnten sich lediglich 2 von 40 Personen evtl. vorstellen.

In welchen Altergruppen gibt es die meisten Arbeitlosen?

Vor allem in der Altersgruppe der 40-60 Jährigen. Pflege ist nicht nur ein psychisch anspruchsvoller Beruf er geht auch auf die Physis. Wer lange in der Altenhilfe arbeitet muss über kurz oder lang mit Schäden am Haltungsapparat rechnen. Da helfen auch kein noch so modernen Pflegehilfsmittel und Präventionsmaßnahmen. Wie sinnvoll wäre also eine Ausbildung zum Altenpfleger oder –helfer für jemand zwischen 40-60 Jahren? Zumal jeder schon eine gewisse berufliche Vorgeschichte besitzt. Eine weitere Spitze der Arbeitslosenzahlen ist bei den. Ca. 20-30 Jährigen zuerkennen. Wobei es dort viele Alleinerziehende sind. In jedem Altenheim gibt es ein 3 Schichtsystem, in dem jeder Mitarbeiter eingebunden werden muss. Wer passt in dieser Zeit auf die Kinder auf? Gerade im Bereich (Ganztags-)Kinderbetreuung gibt es nach wie vor große Defizite. Ein Kindergartenplatz muss schon angemeldet werden, wenn das Kind noch gar nicht auf der Welt ist. Und selbst dann ist der Platz nicht sicher. Noch aussichtloser ist es einen Platz für ein Kleinkind zubekommen. Außerdem sind die vorhanden Plätze meist keine Ganztagsangebote. Nicht jeder hat eine Oma oder Opa der auf die Kinder aufpassen kann. Wobei Oma oder Opa nicht mal Rentenzählzeit bekommen, wenn sie selbst Arbeitslos sind und die Kinderbetreuung übernehmen. Selbst diese Geste wird vom Staat verwehrt.

Was ist ein Mensch, egal ob Kleinkind oder Senior dem Staat noch Wert?

Scheinbar nicht viel. Der Beruf des Altenpflegers war in der Gesellschaft lange Zeit nicht besonders hoch angesehen. Das ändert sich nun ist aber auch für die fehlenden Fachkräfte verantwortlich. Genau so wie die Kürzung der Förderung privater Schulen, an der Altenschule wo ich gelernt habe, musste das Schulgeld daher erhöht werden. Ein weiterer Punkt der potentielle Bewerber abschreckt. Außerdem gibt es erst seit 2003 ein Bundesweit einheitliches „Altenpflege Ausbildungsgesetz“. Von Bundesweiteinheitlichen Personalschlüsseln usw. kann man derzeit nur träumen. Jedes Bundesland macht seine eigenen Vorgaben. In Sachsen ist zum Beispiel der Personalschlüssel am niedrigsten. Das heisst in anderen Bundesländern ist das Verhältnis von Pflegekräften zu Pflegebedürftigen der Stufen 1,2 oder 3 besser als in Sachsen, da es von den Kassen mehr Geld gibt. Auch die Einschätzung des Pflegebedarfs nach Minuten müsste längst überarbeitet werden.  Kann man denn z.B. Zeit für Toilettengänge oder zum Waschen pauschalisieren?

Zusammenzufassend ist zusagen, dass erst einmal bundesweit einheitliche Finanzierungs- und Gesetzesmodelle entworfen und verabschiedet werden müssen. Sowie eine Reform der Einschätzung von Pflegebedürftigkeit und Personalbedarf. Erst dann kann man über eine Vermittlung von „Hartz IV“ Empfängern und Arbeitlosen in die Altenhilfe nachdenken. Eine sinnvolle Form könnte z.B. der Ausbau der „Zusätzlichen Betreuungskräfte“ nach §87b SGB XI. Diese betreuen, vor allem an Demenz Erkrankte Bewohner in Altenheimen und zwar zusätzlich. Sie führen keine Grundpflege durch, sondern kümmern sich um die Tagesgestaltung und Begleitung, sie gehen spazieren, basteln mit den Bewohnern usw. Gerade in diesem Bereich könnte es durch aus mehr Personal geben. Aber auch hier gibt es von den Pflegekassen keine einheitlichen Beträge, in Sachsen wieder am wenigsten.

 

Konrad Skatula